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In der Nibelungensage sind „Nibelungen“ und „Burgunden“ ein und dasselbe Volk. Um die Unterschiede zu verdeutlichen, wird aber nur das Volk der Nibelungensage als Burgunden das historische Volk hingegen als Burgunder bezeichnet.

Die Geschichte des Burgundervolkes, welches mit ziemlicher Sicherheit um 413 in Worms siedelte, wurde im Nibelungenlied schriftlich festgehalten. Die Burgunder waren ein Volksstamm der Germanen und kamen ursprünglich aus Skandinavien. Die Insel Bornholm, die noch im Mittelalter ihren Namen führt, Burgundarholm, warWanderungen der Burgunder, © Peter K. Germany 2018 Eigenes WerkWanderungen der Burgunder, © Peter K. Germany 2018 Eigenes Werk Sprungbrett auf die festländischen Wohnsitze der Burgunder. Dass die Wanderung über See vor sich gegangen sein muss, zeigen Bodenfunde mit aller Deutlichkeit. Sie fehlen vollkommen im westlichen Norddeutschland, erscheinen jedoch gerade zu der angegebenen Zeit an der östlichen Ostseeküste, am stärksten im Gebiet zwischen Oder und Weichsel. Dies bestätigt auch eine vom griechischen Geograf Ptolemäus (* um 100 - † nach 160) überlieferte historische Information über die ursprünglichen Siedlungsgebiete der Burgunder auf dem Festland. Danach siedelten sie anfänglich zwischen mittlerer Oder und Weichsel, eine Splittergruppe auch in Ostpreusen und im westlichen Brandenburg. 

Der griechische Historiker Zosimos (* um 500) erwähnt kleinere Burgundergruppen, namentlich die Urugunden, die als Ostburgunder identifiziert werden. Dies ist jedoch umstritten. Zosimos berichtet über eine Beteiligung der Ostburgunder an Raubzügen gegen die Römer im Jahr 256/257 n. Chr. Um 280 lassen sich die Burgunder im Rhein Main Gebiet nieder. Dies machte sie zu den östlichen oder nördlichen Nachbarn der Alemannen. Die Siedlungsgebiete der Burgunder am Main im 4. Jahrhundert n. Chr. konnten trotz intensiver Forschung bisher nicht genau lokalisiert werden. Entsprechende eindeutig den Burgundern zuzurechnende archäologische Funde gibt es nicht. Nach den historischen Quellen waren sie um 360 jedenfalls bis in die Nähe des Rheins vorgedrungen. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts hatten sie dann den Rhein überschritten und sich auf beiden Seiten des Flusses mit Billigung der Römer einen Herrschaftsbereich gesichert, dessen Zentrum Worms war.

Die größte Bedrohung durch die Alemannen ging im 3. und 4. Jahrhundert von Osten aus. Im rechtsrheinisch von Speyer gelegenen Kraichgau residierten bereits seit dem 3. Jahrhundert alemannische Gaufürsten. Mit dem Kraichgau öffnete sich zwischen den beiden Mittelgebirgen der einzige Durchlass zum Rhein. Von hier aus erfolgten auch ständige Überfälle der Alemannen. Unter strategischen Gesichtspunkten waren daher die Gebiete südlich des Neckars bis zum Kraichbach von größter militärischer Bedeutung. Sie waren quasi prädestiniert für die Überwachung eines von Osten kommenden Einfallweges der Alemannen, bzw. deren Siedlungen. Zwischen den Burgundern und den Alemannen bestand eine schon aus früheren Zeiten erwachsene Stammesfeindschaft, weil ersteren durch die Alemannen der Weg nach Gallien versperrt wurde. In den Jahren 278 – 286 unternahmen die Burgunder einige Vorstöße ins Dekumatland. Im Jahr 370 reichte das burgundische Gebiet vermutlich bis mindestens Schwäbisch Hall, denn dort liegen die Salzquellen, wegen deren die Burgunder mit den Alemannen möglicherweise im Streit lagen. Die Römer machten sich diesen Umstand zunutze und bedienten sich mehrfach der Burgunder bei militärischen Operationen gegen die Alemannen. Der römische Kaiser Flavius Honorius zog die Burgunder 413 in den verteidigungsunfähigen Vangionengau (die Römer waren ja abgezogen) und vertraute ihnen den Schutz dieses politisch und strategisch außergewöhnlich wichtigen Schlüssellandes an. Der römische Verwaltungsbezirk um Worms wurde von den Römern 'Civitas Vangionum' nach dem dort früher ansässigen germanischen Stamm der Vangionen genannt. Aus der Bezeichnung Vangionengau entstand dann später das heutige Wonnengau.

Als damalige Bündnispartner Roms wurden die Burgunder mit der Sicherung der römischen Rheingrenze betraut. Sie besetzten das linke Rheinufer von Worms bis Speyer. Worms wurde ihre Hauptstadt, bezeugt im Nibelungenlied in der Strophe B*6: "Ze Wormez bi dem Rine si wonten mi ir kraft".

Burgundische Versuche im Jahr 435, ihren Machtbereich in die westlich gelegene Provinz Belgica auszudehnen, veranlasste die Römer im Jahr 436 zu militärischen Gegenmaßnahmen. Im Jahr 437 wurden die Burgunder vom weströmischen Heerführer Aetius mit Hilfe hunnischer Truppen vernichtend geschlagen und mussten sich in die Germania I zurückziehen. Im 5. Jahrhundert notierte der spanische Chronist Hydiatus  in der Chronica Gallica: "435/436 rebellierten die Burgunden gegen die Römer und belagerten Narvona. Im Jahr 437 wurden sie vom weströmischen Heerführer Aetius mit Hilfe hunnischer Truppen vernichtend geschlagen" In dieser Schlacht verlor ein großer Teil des burgundischen Volkes das Leben, darunter sein König Gundahar und dessen Sippe. In einer anderen zeitgenössischen Quelle der lateinisch-christlichen Geschichtsschreibung der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts wird ein Name genannt, von dem Gunther abgeleitet sein könnte: "Zur gleichen Zeit schlug Aetius den Gundicarius, den König der Burgunden, der in Gallien wohnte, und gewährte ihm auf seine Bitte Frieden, der jedoch nicht lange anhielt".  Die historiographisch genannte Zahl von 20.000 Gefallenen zeugt, auch wenn sie nicht wörtlich zu nehmen ist, von dem Ausmaß der Niederlage (universa paenegens cum rege per Aetium deleta = fast der ganze Stamm mit dem König wurde von Aetius vernichtet).

Der Rest der Burgunder wurde von Aetius sechs Jahre später, im Jahr 443 an die obere Rhone und Saone umgesiedelt. König Gundobad, ein Herrscher des neuen Reiches, ließ vor seinem Tode im Jahr 516 die LEX BURGUNDIONUM, die burgundischen Stammesrechte aufzeichnen, die u.a. die Namen seiner Vorfahren aus dem zerstörten Reich enthält: Gibica, Gundomaris, Gislaharius, Gundaharius. Diese Namen leben im Nibelungenlied weiter und bezeugen den Zusammenhang zwischen Geschichte und Dichtung. Die beiden letzten Namen erscheinen im Nibelungenlied als Gunther und Giselher. Gibica ist im Nibelungenlied durch Dankrat ersetzt. An die Stelle von Gundomaris ist im Nibelungenlied vermutlich Gernot getreten. Im Gegensatz zu Gunther und Giselher, ist der Name Gernot aber nicht historisch gesichert.

Nicht sesshafte Volksgruppen die sich auf Wanderschaft befinden, sind archäologisch nur schwer fassbar, daher lassen sich die Siedlungsgebiete der Burgunder nicht immer eindeutig nachweisen. Die Burgunder auf ihrer Wanderung archäologisch zu belegen, ist auch deshalb schwierig, weil eventuelle Funde  sich oft mit Regionalem vermischen. Als Nachweise können vor allem Befunde aus Gräberfeldern und Siedlungen, isolierte Grabfunde, sowie schriftliche Quellen herangezogen werden.  Die frühesten Siedlungsgebiete waren schwerpunktmäßig wohl im nördlichen Germanien gelegen (so berichtet der römische Gelehrte Plinius der Ältere, (*23 n. Chr. ) in seiner Naturalis historia,  später dann zwischen Oder und Elbe und im nördlichen Brandenburg. Darauf deuten zumindest die archäologischen Funde. Bei Wechmar nahe Gotha fand sich ein stark belegtes Gräberfeld, das einen längeren Aufenthalt an dieser Stelle voraussetzt. Um 280 lassen sich die Burgunder im Rhein Main Gebiet nieder, wo vorher die Alemannen gewohnt hatten, mit denen sie daher seither in angespannten Verhältnissen lebten. Um 360 waren sie bis in die Nähe des Rheins vorgedrungen. 369 empfängt der römische Kaiser Valentinian I, während seines Aufenthalts in Altrip eine Abordnung der Burgunder. Er begrüßt sie als Bundesgenossen, vorenthält ihnen aber das versprochene Land, sodass sich die Burgunder ärgerlich in die Wetterau bei Frankfurt zurückzogen.

Es gibt nur wenige schriftliche Quellen. Antike Schriftsteller die über die Burgunder berichten waren in erster Linie die griechischen Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus, oder Paulus Orosius , Zosimos u.a. Besonders interessant  ist eine Nachricht des französischen Schriftstellers Prosper Tiro (* um 390 - † nach 455), der zum Jahr 413 n. Chr. über die Burgunder schreibt und diese damit am Rhein oder zumindest nahe am Rhein lokalisiert: "Die Burgunder haben einen Teil Galliens nahe dem Rhein zu Besitz erhalten".

Die Burgunder siedelten hauptsächlich auf der linken Rheinseite auf offiziell römischem Territorium. Es gibt aber auch archäologische Belege für eine Besiedelung der rechtsrheinischen Seite. Die Siedlungen der Burgunder reichten zur Zeit der Blüte im 5. Jahrhundert linksrheinisch von Alzey über Worms bis Speyer und rechtsrheinisch von Lampertheim bis in den Norden des Mannheimer Vorstadtgebietes.

2013 wurden in Speyer  120 römische Gräber entdeckt, die zu einem Gräberfeld aus dem 1. bis 5. Jahrhundert gehörten, und teilweise von den Burgundern stammen könnten. Gefunden wurden  4 Steinsarkophage, 48 Körperbestattungen sowie etwa 70 Brandgräber mit reichen Grabbeigaben. 1932 fand man bei Altlußheim gegenüber von Speyer bei Kiesarbeiten ein Fürstengrab aus den Zeiten der Völkerwanderung. Altlußheim war zur Römerzeit ein wichtiger Brückenkopf der Römerstraße Bad Wimpfen-Speyer. Im Grab, das die sterblichen Überreste eines Mannes und einer Frau enthielt, wurden zahlreiche Beigaben gefunden, u.a.  ein zweischneidiges Prunkschwert in einer mit Goldauflage verzierten Scheide aus Holz. Form und Herstellungsart des Prunkschwertes deuten auf eine  südrussische Herkunft (Kaukasus oder Kasachstan) aus den Jahrzehnten vor der Mitte des 5. Jahrhunderts. Der Grab Fund könnte damit theoretisch in den historischen Vorgang der Hunnen Feldzüge eingeordnet werden, womit dann auch die Möglichkeit der historischen Verbindung des Fundes zum Burgunderreich am Mittelrhein in Betracht kommt.

Eindeutigere archäologische Nachweise für die Anwesenheit der Burgunder in Worms und Umgebung stammen aber erst aus neuerer Zeit. Nach eingehenden Vergleichen von Bestattungssitten neigt die Forschung heute dazu, Männergräber mit Axt und Pfeilspitzen als burgundisch anzusehen. Ein archäologischer Fund in Worms, aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, eine bronzene Gürtelschnalle ist vermutlich burgundisch. Solche Gürtelschnallen wurden auch im ursprünglichen burgundischen Burgundische Gürtelschnalle, datiert ins 7. Jh. n. Chr., Eisen mit Gold und Silber überzogen. Urheberschaft: Walters Art Museum [Public domain]Burgundische Gürtelschnalle, datiert ins 7. Jh. n. Chr., Eisen mit Gold und Silber überzogen. Urheberschaft: Walters Art Museum [Public domain]Kerngebiet zwischen Oder und Elbe gefunden. In Mannheim-Sandhofen deutet der Fund des Grabes einer jungen Burgunderin in einem römischen Keller auf burgundische Anwesenheit. Die im Grab gefundene Halskette aus bunten Steinen weist auf burgundische Herkunft. Mehrere Bodenfunde in Worms sind mit ziemlicher Sicherheit ebenfalls den Burgunden zuzuschreiben. Südlich von Worms wurde von Archäologen das Grab eines burgundischen Goldschmiedes gefunden. Die gefundenen Werkzeuge, Zange, Amboss, Hammer und Feile aus Eisen waren in ungewöhnlich gutem Zustand. Teile der Kleidung deuten, auf eine Zuwanderung in der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Chr., als in Worms die Burgunder lebten. Alle bisher bekannten Schmiedegräber stammen frühestens aus dem 6. Jahrhundert, das bei Worms gefundene Schmiedegrab ist somit das älteste, das ausgegraben wurde. Nach Meinung Wormser Archäologen beweist das Grab, dass die Burgunder im Gebiet von Worms lebten. Die Burgunder standen im Altertum in besonderem Ansehen wegen ihrer hochentwickelten Waffenschmiedekunst. Eine Sonderform die oft bei den Burgunden zu finden ist, ist das neben dem zweischneidigen Langschwert (Spatha) geführte einschneidige Kurzschwert (Scramasax), das auf keltische Urformen zurückgeht. Die Schmiedetechnik ist so vollendet, das manche eisernen Stücke vollkommen rostfrei sind und Edelpatina tragen wie Bronze. Noch zu Zeiten des 2. Burgunderreiches am Genfer See taten sich besonders die Silberschmiede hervor, die Gürtelbeschläge von enormer Größe und sorgfältiger Ausarbeitung herstellten. Sie verliehen den ovalen oder rechteckigen Gürtelschnallen vermittels einer besonderen Technik attraktive Gestalt, indem sie in den eisernen Untergrund eine Silberornamentik einwalzten. Auch figürliche Darstellungen auf Gürtelschnallen waren nicht selten. Sie zeigten das Kreuz oder den Propheten Daniel (Danielschnallen). Der Prophet wurde stets von Löwen umgeben dargestellt. Von den Gürteln glaubte man, dass sie dem Träger Schutz bei Gefahren, Unverletzlichkeit und überlegene Kraft über den Gegner verliehen. Darum wurden sie so sehr groß gearbeitet. Auch im Nibelungenlied ist das Geheimnis der Kraft von Brunhild ein breiter Gürtel. Bei Lampertheim auf dem rechten Rheinufer gegenüber von Worms deuten Grabfunde ebenfalls auf burgundische Anwesenheit. Hier wurde 1934  ein großes Gräberfeld gefunden und untersucht. Das Grabinventar ist nach Meinung des deutschen Prähistorikers und Archäologen Friedrich Behn (*1883 - † 1970) überwiegend burgundisch. In 56 Gräbern wurden Urnen, Skelette und Brandgruben festgestellt. Gefunden wurden auch viele Einzelstücke: Schüsseln, Schalen, Urnen, Pfeilspitzen, Beile, Fibeln, Becher, Ringe, Schnallen, Glasperlen, Schwerter usw. Es handelt sich um ein Gräberfeld, in dem Männer, Frauen und Kinder während rund eines Menschenalters beigesetzt worden sind, also um die Hinterlassenschaft einer Siedlung. Die Siedlung datiert aus dem zweiten Drittel des 4. Jahrhunderts und geht wahrscheinlich auf den burgundischen Vorstoß von 369/70 zurück. Friedrich Behn führte von 1927 bis 1937 auch Ausgrabungen im Kloster Lorsch durch, dem Kloster das in der Fassung C des Nibelungenlieds genannt, wird, in der Fassung B aber keine Erwähnung findet.

Auch in Alzey bestätigen burgundische Keramiken den Aufenthalt dieses Stammes dort. Alzey war in früheren Zeiten von den Kelten besiedelt. Die Römer errichteten hier ein Kastell. In dieses Römerkastell zogen Anfang des 5. Jahrhunderts die Burgunder ein. Im Nibelungenlied wird Alzey ausdrücklich erwähnt. So heißt es in Strophe B*9: "Daz was von Tronege Hagene und ouch der bruodersîn, Dancwart der vilsnelle, von Metzen Ortwîn, der zwene marcgrâven Gêre und Ekkewart, Volkêr von Alzeije, mit ganzem ellen wolbewart". Volker von Alzey war der Spielmann oder Fiedler am Hof der Burgunder in Worms. Sein Stammsitz Alzey lag ca. 20 km von Worms entfernt. Interessant ist dabei auch die Tatsache, dass die Stadt Alzey eine Fiedel im Wappen hat.

Die archäologischen Ergebnisse lassen darauf schließen, dass die Burgunder bereits im ersten Drittel des 4. Jahrhunderts den Rhein erreichten.

Anmerkung des Autors dieser Abhandlung: Die archäologischen Funde aus Worms, Alzey, Lamperheim, Sandhofen und Umgebung sind deutliche Indizien für eine burgundische Anwesenheit in dieser Gegend und belegen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass das im Nibelungenlied überlieferte Burgunderreich in Worms geschichtliche Wahrheit war und kein Produkt dichterischer Phantasie.