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Längs des Gebirges floss in der sog. Grabenrandsenke, einem 12 km breiten Naturraum am Ostrand der Oberrheinischen Tiefebene zwischen dem Fuß der Bergstraße und dem Ostrand der Dünenflächen bei Sandhausen und Oftersheim ein alter Seitenarm des Rheins. Die aus dem Gebirge kommenden Flüsse und Bäche in der Oberrheinebene, Kinzig, Murg, Oos, Alb und Leimbach flossen nicht direkt zum Rhein, sondern auf größeren Strecken parallel zum Rhein entlang des Gebirgsfußes. Der badische Ingenieur Johann Gottfried Tulla nannte diesen Randfluss Ostrhein.  Existenz und Ausmaß dieses Randflusses in der östlichen Randsenke haben seit Jahrzehnten zu regen Diskussionen geführt.

Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.Nach neueren Untersuchungen (1912) des deutschen Geologen Hans Thürach soll es sich um einen Kinzig-Murgfluss der Diluvialzeit handeln, der alle aus dem Schwarzwald kommenden Flüsse vereinigte und seinen Lauf parallel zum Rhein nahm, um schließlich, das heutige Kraichbachtal bildend, sich bei Hockenheim in die Rheinniederung zu ergießen. Der Mingolsheimer Seitenarm erreichte den Rhein bei Hockenheim. Der Leimer Arm umfloss die Dünen zwischen Sandhausen und Walldorf und erreichte den Rhein bei Schwetzingen. Das Bett des Ostrheins war nicht tief, aber recht breit. Je näher der Fluss dem Rhein kam, desto geringer wurde sein Gefälle, wodurch ein breitgefächertes Mündungsdelta entstand. Die einzelnen Mündungsarme änderten auch immer wieder ihren Verlauf. Die Dünen bei Oftersheim und Sandhausen sind wahrscheinlich der Grund warum der Kinzig-Murgfluß hinter Sandhausen nicht seine ursprüngliche nach Nord-Nord-Ost ausgerichtete Fließrichtung beibehielt. Die Dünen lagen dem Fluss im Weg und lenkten ihn westlich zum Rhein hin ab. Andernfalls hätte er sich zwangsläufig mit dem Neckar vereinigen müssen.

Die Alemannen, die im Zuge der Völkerwanderung die Römer aus dem Kraichgau verjagten, nannten den Kinzig-Murg-Fluss „Anglach“. In einem Stiftungsbrief aus dem Jahr 1110 des im Bistum Speyer, im Albgau, am Fluß Alb gelegenen Klosters Gottesau wurde dieses Gewässer noch als  „fluentis lacune“  erwähnt, was soviel bedeutet, wie langsam dahin fließendes Wasser:

Rand-Nr. 30: adia centibus regia maiestate prefigimus: A Novali ante claustrum et a Rintdanusque in medium Luzhart, item a Rint danusque Salzfurt, per ascensum fluentis lacune usque Bremehe, de Bremehe ad Dagemarisdung, item a Dagemarisdung usque Burtan, a Burtan quousqueper veniat usad Novale.  Übersetzt: "Von Neureut beim Kloster und von Rintheim bis in die Mitte des Lußhard, ferner von Rintheim bis zur Salzfurt weiter zum Anfang dieses fließenden Wassers bis nach Bremehe, von dort nach Dammerstock wieder zum Ausgang zu Neureut". 

Ein wichtiges Indiz dafür dass der alte Ostrhein in der damaligen Zeit noch ein fließendes Gewässer war, ist die Erwähnung der Lußhardt, ein großes Waldgebiet zwischen Rastatt und Reilingen gegenüber von Speyer. Bei Reilingen fließt der Kraichbach, einer der Flüsse die parallel zum Rhein durch die uralte Kinzig-Murg-Rinne flossen, an der Lußhardt vorbei. Wenn der Ostrhein bei Reilingen wie im Stiftungsbrief des Klosters Gottesau beurkundet, noch ein fließendes Gewässer war, dann kann man mit Recht vermuten das dies auch bei Schwetzingen am nördlichsten Zufluss des Ostrheins, dem Leimbach noch der Fall gewesen sein kann.

Der deutsche Historiker und Schriftsteller David Chytraeus (*1530 – 1600) nannte den Ostrhein in seinem 1583 erschienen Werk über den Kraichgau Prerhenus (Vorrhein). Er beschreibt den Verlauf des Flusses so ausführlich, dass man noch heute die Ufer fast auf den Meter genau nachzumessen vermag. Der Ostrhein ist heute verschwunden. Südlich des Neckars erinnern nur noch die periodisch wechselnden Grundwasserständen ausgesetzten Verlandungsbereiche und größere Feuchtgebiete wie die Nußlocher und Walldorfer Wiesen (größtes zusammenhängendes Wiesengebiet der St. Ilgener Niederung) und noch weiter südlich das Weingartener Moor bei Karlsruhe an den ehemaligen Verlauf des Ostrheins in der Kinzig-Murg-Rinne. Im deutsch-keltischen, geschichtlich-geographischen Wörterbuch zur Erklärung der Fluss-, Berg-, Orts-, Gau-, Völker- und Personen-Namen Europas des deutschen Laien-Geschichtswissenschaftlers Wilhelm Obermüller  (* 1809 - † 1888) wird behauptet, das der Ostrhein im 6. Jahrhundert noch ein bedeutender Strom war.  Funde gut erhaltener römischer Kähne in der Gegend von Ettlingen deuten auch darauf hin, das der Ostrhein zur Römerzeit zumindest teilweise noch beschiffbar gewesen ist. Die alte Römerstadt Ettlingen liegt im Übergang der Rheinebene in den nördlichen Schwarzwald und ist Teil des Albtals. Durch die Stadt fließt der Fluss Alb. Die Alb entspringt im Schwarzwald und war einer der Flüsse die parallel zum Rhein durch die uralte Kinzig-Murg-Rinne flossen um sich hinter Karlsruhe in die Rheinniederung zu ergießen. Ettlingen war in römischer Zeit (1.-3. Jh. n. Chr.) ein wichtiger Straßenkreuzungspunkt. Reste der alten Römerstraße die von Baden-Baden über Pforzheim nach Ettlingen führte, konnten archäologisch nachgewiesen werden. 1926 konnte durch weitere archäologische Grabungen der technischen Hochschule Karlsruhe eine Villa Rustika  (römischer Gutshof)  am Hedwigshof in Ettlingen rekonstruiert werden. Der römische Hof bedeckte etwa 180 qm; er bestand aus einem Wohngebäude, einem Badehaus mit zwei Apsiden und zahlreichen Nebengebäuden und war von einer Mauer mit Toren umgeben. Bei den Grabungen fand man vor dem unteren, zum Fluss gerichteten Tor, eine schiefe mit Quadern hergestellte Fläche in der Form einer Rampe, die aufgrund ihrer starken Neigung weder befahrbar noch begehbar war. Diese Rampe, so wie der weitere Umstand, dass die Ruinen am ehemaligen Flussufer liegen, legen die Vermutung nahe, dass dieses Tor für die Ausladung von Schiffen bestimmt, und die Villa, eigentlich eine Anlegestelle und Ausladestätte der Römer war. Dafür spricht auch der am Rathaus in Ettlingen eingemauerte Neptunstein der 1480 an der Alb gefunden worden ist. Die Inschrift besagt dass der Stein Neptun geweiht sei und dass ihn ein Cornelius Aliquandus der Schiffergilde (contubernion autarum) geschenkt habe. Teilweise wurde in der Forschung die Meinung vertreten, dass die nautae (Matrosen) des Neptunsteins nicht Schiffer, sondern Flößer gewesen seien. Nach neueren Forschungsergebnissen spricht jedoch alles dafür, dass tatsächlich Schiffer gemeint waren. Daneben kann aber auch Flößerei betrieben worden sein, da die Römer ja schon immer einen hohen Holzbedarf, (z.B. als Bau- und Heizmaterial) hatten.