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ist ein nordisch-germanisches Epos, aufgeschrieben in der alten Volkssprache Mittelhochdeutsch, das aber wahrscheinlich tatsächliche historische Ereignisse aus der Völkerwanderungszeit  (375 n. Chr. – 568 n. Chr.) verarbeitet. Aufgrund der Ähnlichkeiten bei manchen Namen ist ein historischer Kern denkbar. In dem mittelalterlichen deutschen Heldengedicht wird vermutlich der Untergang des Burgunderreiches, das 413 n. Chr.  als Föderaten Roms unter König Gundahar (der König Gunther der Sage) um Worms gegründet und vom weströmischen Heerführer Flavius Aetius  im Jahre 436 n. Chr. mit Hilfe hunnischer Truppen vernichtet wurde, abgehandelt. König Gundahar ist durch die burgundische Reichsüberlieferung historisch belegt. Im Nibelungenlied werden die Begriffe Nibelungen und Burgunden für ein und dasselbe Volk verwendet. Nach dem entscheidenden Schritt von mündlicher Sagen- und Liedtradition zur Buchdichtung verlief die mündliche und schriftliche Überlieferung des Nibelungenstoffs zunächst im Wesentlichen getrennt voneinander. Die gesamte Überlieferung geht aber letztlich auf einen schriftlich fixierten Text zurück, den man als Original bezeichnen kann. Dieser Text wurde vor seiner Verschriftlichung wahrscheinlich jahrhundertelang unverändert weitergegeben. Wann die Verschriftlichung der mündlichen Überlieferung zum Nibelungenlied stattfand, ist nicht genau bekannt. Zunächst nur von durchfahrenden Sängern an den Höfen vorgetragen, wurde es aber wahrscheinlich im 10. Jahrhunderts in Schriftform verfasst.

Nach dem Ende der Ritterzeit für viele Jahrhunderte vergessen, wurde es 1755 durch Johann Jakob von Bodmer  auf Schloss Hohenems wiederentdeckt. Es handelt von der burgundischen Königin Chriemhild, der Titel ist "Adventure von den Nibelungen". Ein Original des Nibelungenlieds existiert nicht mehr, bzw. wurde bis jetzt nicht gefunden. Es gibt 32 teils fragmentarische Handschriften des Nibelungenliedes, von denen keine das Original repräsentiert. Bekanntgeworden sind hauptsächlich drei Abschriften auf Pergament: Die Nibelungenhandschriften A, B und C.

Die Handschriften B und C gehen auf eine gemeinsame Urfassung zurück, die ihrerseits vom Original zu unterscheiden ist. Die Urfassung wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts geschrieben. Diese heute unumstrittene Datierung lässt sich ziemlich genau festlegen, da das Nibelungenlied einige Beziehungen zu Wolfram von Eschenbachs Parzival aufweist. Im Parzival wird in den Versen 420, 425 ff auf Rumolts Rat (Nibelungenlied (B* 1465) bzw. (C* 1499) angespielt, und man kann davon ausgehen, dass Wolfram diese Passage in den Jahren 1204/1205 gedichtet hat.

Wer der Verfasser der schriftlichen Urfassung war, ist nicht bekannt. Als Verfasser kommt im 12. Jahrhundert aber vermutlich ein Mönch, bzw. Angehöriger eines religiösen Ordens in Betracht, da nur diese Volksschicht lesen und schreiben konnte. Lesen und Schreiben war der breiten Masse des Volkes und selbst Edelmännern weitestgehend unbekannt. Lediglich in den Klosterschulen konnte man Lesen und Schreiben lernen, aber nur dann wenn man dem Orden beitrat. Im frühen Mittelalter vor der Erfindung des Buchdrucks erfolgte die Vervielfältigung von Schriftstücken durch manuelles Abschreiben. Es waren die Mönche die in ihren Klöstern und Abteien hauptsächlich kirchliche oder wissenschaftliche Texte kopierten.

Die Kostbarkeit der altklassischen Literatur gestattete nur wenigen Gelehrten eine Büchersammlung. Eine Privatbibliothek von 20-30 Bänden galt noch im 15. Jahrhundert für ein sehr schätzenswertes Besitztum. Im 12. Jahrhundert waren die Klosterbibliotheken im Besitz der meisten Bücher, daher hatte wohl auch am ehesten ein Mönch Zugang zum schriftlichen Original des Nibelungenlieds. Die Mönchszunft besaß das engste Verhältnis zum Buch, zum geschriebenen Wort. Das Schreiben als Kunst übten deshalb auch vorzugsweise die Mönche. Diese beschränkten sich dabei aber auf das kopieren vorhandener Texte, ohne diese zu ändern. Schon der eigene Bedarf an Kirchen- und Lehrbüchern und der Wunsch, die winzigen Klosterbibliotheken zu vergrößern, musste die Mönche veranlassen, sich auf das Vervielfältigen von Büchern zu verlegen und so wurde denn auch in den meisten Klöstern die Kunst des Abschreibens mit großem Eifer betrieben. Dafür gab es in den Klöstern sogenannte Schreibermönche in den Skriptorien (Schreibstuben), die einen Text nicht nur kopierten, sondern möglichst originalgetreu und ohne Abweichungen abschrieben. Solche Schreibermönche waren häufig Kopisten und Illustratoren in einem und wurden bereits in ihrer Jugend im Kloster im Schreiben und Malen entsprechend ausgebildet. Sie lernten Schriftstücke farbig zu illustrieren, sowie normiertes Schreiben mit kalligraphischer Linienführung.

Erst im 13. Jahrhundert verbreitete sich die Kunst des Lesens und Schreibens in der mittelaterlichen Gesellschaft.  Es entstand allmählich ein Gelehrtenwesen auch außerhalb der Klöster. Daher könnten die Schreiber der Handschriften A, B und C im Gegensatz zum Autor der Urfassung auch einem anderen Stand angehört haben, z.B. Kleriker, im institutionellen Rahmen der Kirche, das heißt in der Kanzlei eines geistlichen Fürsten (Bischofs), beschäftigt gewesen sein. Für die zeitliche Einordnung der drei Handschriften gibt es mehrere wissenschaftliche Meinungen. Die zwei wichtigsten sind:

 Karl Konrad Friedrich Wilhelm Lachmann (* 1793 - † 1851), deutscher Altphilologe
 Karl Friedrich Adolf Konrad Bartsch (* 1832 - † 1888), deutscher Altphilologe

Bis vor kurzem galt die Handschrift C als die älteste vollständige Handschrift und ihr Entstehungsjahr wurde zwischen 1220 und 1230 datiert.  Die für die heutige Forschung richtungsweisende Aufwertung der Handschrift B geht auf Karl Bartsch zurück. Er sah in den Handschriften B und C zwei voneinander unabhängige Erzählungen überliefert, B als die ältere, dem Original näherstehende, C als die jüngere Fassung.

Hohenems-Münchener Handschrift A, Urheber: von Unbekannt Quelle: Bibliotheca Augustana [Public domain], via Wikimedia CommonsHohenems-Münchener Handschrift A, Urheber: von Unbekannt Quelle: Bibliotheca Augustana [Public domain], via Wikimedia CommonsKarl Lachmann hingegen hielt die Handschrift A für die älteste und ursprünglichste. Neuere Forschungsergebnisse zeigten das der Text der A- und B-Handschrift der ältere (die sogenannte Nôt-Fassung) ist; der Text der C-Handschrift ist etwa 20 Jahre jünger (die sogenannte Liet-Fassung). Der Bearbeiter der Handschrift C hat 30 Strophen weggelassen und 92 neue Strophen hinzugefügt.

Handschrift A > hat 2316 Strophen
Handschrift B > hat 2376 Strophen
Handschrift C > hat 2439 Strophen

Die neuere Nibelungenforschung hält mittlerweile die Handschrift B für die älteste der drei Handschriften.  Die Handschrift A ist vermutlich auch nur eine Weiterbearbeitung der Handschrift B.  Sie bietet über weite Strecken einen ähnlichen Text wie B, ist aber insgesamt kürzer (es fehlen 63 Strophen, davon 57 in den Adventiuren 1-11) und ist anscheinend auch weniger sorgfältig geschrieben. Genauere paläographische Vergleichsuntersuchungen zeigen dass einige Passagen des A*-Stoffes Veränderungen des B*-Stoffes oder sogar Übernahmen aus dem C*-Stoff sind. Eine direkte Bearbeitung von A* und C* auf der Grundlage von B* hingegen wird von der Forschung heute ausgeschlossen.

 

 

Chronologie:

 Original (mündlich)

 5. oder 6. Jahrhundert

 Verschriftlichung

 10. Jahrhundert

 Urfassung

 Ende 12. Jahrhundert

 Handschrift B

 Anfang bis Mitte des 13. Jahrhunderts

 Handschrift C

 Mitte bis Ende des 13. Jahrhunderts

 Handschrift A

 Letztes Viertel des 13. Jahrhunderts

Weitere Literatur mit Bezug auf das Nibelungenlied:

 Waltharielied

 10. Jahrhundert

 Thidreksaga

 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts

 Edda

 13. Jahrhundert

Die Handschrift B erscheint insgesamt ursprünglicher und unveränderter gegenüber der Urfassung, da moralische oder religiöse Wertungen völlig unterbleiben und auch keine zusätzlichen Strophen eingefügt wurden, wie in der Fassung C. Genaue Vergleiche der drei Handschriften A, B und C lassen Übereinstimmungen, aber im Detail auch gravierende Abweichungen erkennen. Die auffälligen Besonderheiten der Fassung C haben so ausgeprägt den Charakter von Neuerungen, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass es sich um eine Bearbeitung der Urfassung handelt. Von den drei Handschriften ist die Handschrift C, augenscheinlich die von der Urfassung am meisten abweichende Version; der Bearbeiter hat den Text der Urfassung nicht kopiert, sondern überarbeitet und formal und sprachlich modernisiert; er hat ihn inhaltlich ergänzt und verbessert und er hat die Geschehnisse unter moralischen und religiösen Gesichtspunkten interpretiert. Der Verfasser muss bald nachdem die Urfassung entstanden war, diese vermehrte, verbesserte Version geschrieben haben.

In der Ausprägung der Handschrift C erkennt man deutlich das Bildungs- und Künstlerprofils eines Klerikers, das heißt eines Mannes der lese- und schreibkundig war. Mit Kleriker ist nicht ein Geistlicher oder Inhaber eines kirchlichen Amtes gemeint. Die Kleriker waren die Akademiker des Mittelalters. Sie waren gebildet. Sie hatten in Domkirchen, Stiften, Klöstern, oder an Stadtschulen das Lesen und Schreiben, sowie Kenntnisse in den freien Künsten und der lateinischen Sprache erlernt. Manche zogen als fahrende Dichter durch das Land. Der uns unbekannte Verfasser der Handschrift C war gebildet, er konnte lesen und schreiben, er hatte außerdem Geschichtskenntnisse. Er kannte die Gebräuche der Zeit. Er muss ferner die Vorkommnisse um Schicksal und Untergang der Burgunder, sowie die Örtlichkeiten wo sich dies abgespielt hat gekannt haben.

Da der Bearbeiter der Handschrift C  die Urfassung offensichtlich redaktionell überarbeitet, ergänzt und für sein höfisches Publikum aufbereitet hat, kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass er überlieferte Ortsbeschreibungen ausgelassen oder verändert hat. Obwohl Worms Hauptstadt der Burgunder war, und sich ihr unmittelbares Einflussgebiet bis hinunter nach Speyer erstreckte, fehlen in der Handschrift C nähere Ortsbeschreibungen aus dieser Gegend. Genannt werden außer Worms, lediglich die Orte Lorsch (hier das Kloster Lorsch) und Odenheim, alle aber auf der rechten Rheinseite, die beiden letzteren ausschließlich in der Handschrift C; sie stehen jeweils am Ende einer Aventiure und sind daher kaum Original sondern vermutlich Nachträge des Bearbeiters. Offensichtlich bestand eine Verbindung des Verfassers C zum Kloster Lorsch. In den Strophen C*1158 – C*1165, die er am Ende des 19. Abenteuers hinzugefügt hat, erzählt er von der Klostergründung, Königin Ute stiftete nach dem Tod ihres Gatten, des Burgunderkönigs Dankrat, das Kloster in Lorsch (Kloster Altenmünster an der Weschnitz). Des weiteren wird berichtet über Güterstiftungen und auch von einem beabsichtigten Umzug Chriemhilds nach Lorsch. Siegfrieds Leichnam war bereits dorthin überführt worden. Auch Königin Ute lebte bei Lorsch in einem Siedelhof und wird später dort begraben. Der Bezug zu Lorsch ist so eindeutig, so in die Einzelheiten gehend, dass dies zeitweilig zu der Annahme führte, dass der Abt des Klosters Lorsch, Sigehardt (* 1167-1198), die Nibelungensage in der Fassung C niedergeschrieben habe, in der sowohl das Kloster, wie auch der Dom von Worms eine Rolle spielen. Diese These wurde jedoch von der Nibelungenforschung mittlerweile als unhaltbar zurückgewiesen. Interessant sind aber die archäologischen Funde in der Gegend um Lorsch.

Kloster Lorsch um 1615 auf einem kolorierten Kupferstich, Urheberschaft: Matthäus Merian [Public domain], via Wikimedia CommonsKloster Lorsch um 1615 auf einem kolorierten Kupferstich, Urheberschaft: Matthäus Merian [Public domain], via Wikimedia CommonsIm Kloster Lorsch wurden 1998 Fundamente und Grundmauern entdeckt, die möglicherweise noch aus der Römerzeit stammen. Es gab drei Klosteranlagen in Lorsch. Altenmünster, das erste Kloster aus dem Jahr 764, dann das Hauptkloster, dessen Torhalle noch heute vorhanden ist. Und dann das Frauenkloster „Hagen ze Lorse“ südlich von Lorsch, gegründet  um 1130.  Von diesem Kloster ist nur noch ein Eckturm der ehemaligen Klostermauer übrig. Bei Ausgrabungen beim Kloster Hagen ze Lorse, wurden neben einer frühromanischen Kirche und einer römischen Villa auch der erwähnte Siedelhof gefunden. Am Kirchengebäude war auch eine Begräbnisstätte. Auf diesem Friedhof befand sich ein 240 Zentimeter langer Steinsarg, der gemeinhin als „Siegfried-Sarkophag“ bezeichnet wird. In der Handschrift B wird die Größe Siegfrieds betont. (Zitat aus B*464): "Siegfried war tapfer, sehr stark und hochgewachsen". Ob der in Lorsch gefundene Sarg wirklich der im Nibelungenlied erwähnte Sarg ist, kann nicht zweifelsfrei behauptet werden. Es bleibt daher dem Leser überlassen sich selbst eine Meinung zu bilden.

Die Anwesenheit der Burgunden auf der rechten Rheinseite, ist nicht nur durch die archäologischen Funde belegt, auch die ausdrückliche Erwähnung rechtsrheinischer Orte im Nibelungenlied sprechen dafür.  In der der Urfassung näheren Handschrift B ist die Rede vom Waskenwald. Diese Örtlichkeit wurde wahrscheinlich aus der Urfassung auch so übernommen. Der Waskenwald war angeblich ein größeres Waldgebiet im Bereich der Weschnitzniederung. In der Handschrift C wird der Waskenwald mit keinem Wort erwähnt. Der Bearbeiter der Fassung C erwähnt nur den Odenwald, der allerdings auch rechtsrheinisch liegt.. Der Waskenwald war dem Bearbeiter der Handschrift C entweder nicht bekannt, oder zumindest nicht erwähnenswert, wohl aber den Bearbeitern der Handschrift B (Zitat aus B*908): "Nu wir der herverte ledic worden sin, so wil ich iagen riten bern unde swin hin zem Waskenwalde als ich vil dicke han getan". Der Autor der Urfassung muss die Gegend nördlich und südlich des Neckars aus eigener Anschauung gekannt haben, wie die genauen Ortsbezeichnungen Lochheim und Waschenwald aus der Fassung B belegen. Die Ortsbezeichnung Odenheim fehlt in der Fassung B und wurde daher wahrscheinlich auch in der Urfassung nicht erwähnt. Dies war auch nicht notwendig, da mit der Bezeichnung Waschemwald bereits eine genaue Eingrenzung der Örtlichkeit erfolgt war. In dieser Gegend liegt auch eine Quelle, die der Beschreibung im Nibelungenlied entspricht. Die Quelle liegt bei Heppenheim. Hier befindet sich eine alte von Linden umstandene Riedquelle in Stein gefasst. Auf einer Tafel sind neben dem Brunnen, noch der Rhein und die alte Weschnitz verzeichnet. Die Quelle kommt als Ort an dem Siegfried ermordet wurde durchaus in Frage, da die Entfernungverhältnisse zu Worms realistisch sind.  Heppenheim liegt direkt gegenüber von Worms nur ca. 25 Km entfernt auf der anderen Rheinseite. Laut Nibelungenlied wurden bevor die Jagdgesellschaft aufbrach, zuerst mit Brot, Wein, Fleisch und Fisch beladene Pferde über den Rhein zum Ort an dem das Jagdlager errichtet werden sollte, gebracht.  Von Worms  nach Heppenheim braucht ein beladenes Pferd  ca. 4 Stunden, ein Reiter ca. 1,5 Stunden. Alle anderen Quellen die für sich in Anspruch nehmen die Siegfriedsquelle zu sein, sind zu weit von Worms entfernt.

Grundlage dieser Recherche ist die Handschrift B

An der Handschrift B arbeiteten vermutlich drei verschiedene Schreiber. Die ersteren beiden sind kaum  zu unterscheiden und arbeiteten beide auf hohem kalligrafischem Niveau. Ein dritter Schreiber, möglicherweise ein Schüler (einfache Abschreibarbeiten wurden auch von Anfängern ausgeführt), arbeitete wohl weniger sorgfältig, da wiederholt Schreibfehler auftraten und deshalb Korrekturen vorgenommen wurden.

Bei der Herstellung von Büchern gab es mehrere Produktionsschritte. Zuerst begann der Skriptor (Schreiber), mit dem eigentlichen Schreiben. Manchmal arbeiteten auch mehrere Schreiber parallel an verschiedenen Textabschnitten. Nach Fertigstellung des Haupttextes erfolgte die Einfärbung und Hervorhebung besonderer Textstellen durch den Rubrikator. Das waren in der Regel rote und blaue Anfangsbuchstaben, aber auch farbige Überschriften. Abschließend wurde der Text von Buchmalern (Illustratoren) mit Bildern, Ornamenten und Initialen ausgeschmückt. 

Das hohe kalligraphische Niveau und die malerische Gestaltung der Handschrift B deutet auf Mönche als Bearbeiter, denn zum Zeitpunkt der Entstehung beherrschten mit ganz wenigen Ausnahmen, ausschließlich Mönche die Kunst der Buchmalerei und Kalligrafie. In den Skriptorien (Schreibschulen) der Klöster arbeiteten vor allem im frühen Mittelalter die Mönche fast ausschließlich für den Bedarf der eigenen Klosterbibliothek. So wurden ganze Manuskripte und Bücher von den Mönchen in Gemeinschaftsarbeit kopiert und übersetzt. Aber auch für kirchliche und adlige Kreise wurden mit Miniaturen und Initialen verschönerte Handschriften vereinzelt hergestellt.  Für ein gefälligeres Schriftbild wurde schon frühzeitig damit begonnen, die Initialen in Texten zu verzieren.

Die Initialmalerei wurde im Laufe des 11. und 12. Jahrhunderts insbesondere in den Klöstern immer weiter verbessert und verfeinert. Die Skriptorien mancher Klöster (z.B. Echternach, Reichenau) erlangten hier eine hohe Kunstfertigkeit und entwickelten sich zu wahren Zentren der Buchmalerei. Ab ca. 1200 sorgten Universitätsgründungen für eine steigende Nachfrage nach Büchern was wiederum die Entwicklung auch weltlicher Schreibstuben förderte. In diesen wurden auch Initialen künstlerisch gestaltet,  Die hohe Kunst der Initialmalerei blieb jedoch noch lange Zeit den Klöstern vorbehalten. Den Text der Handschrift B schmücken 37 Initialen, vier davon zeigen eine Figur im Binnenfeld. 

Vergrößerung der Eingangsinitiale aus der Handschrift B um 1250. St. GallerHandschrift, Quelle: Bibliotheca Augustana, Autor: Unknown, Lizenz: {{PD-old}},{{PD-US}}Vergrößerung der Eingangsinitiale aus der Handschrift B um 1250. St. GallerHandschrift, Quelle: Bibliotheca Augustana, Autor: Unknown, Lizenz: {{PD-old}},{{PD-US}}Die Eingangsinitiale zeigt einen in leuchtendes Rot gekleideten Mann, dessen linke Hand die Geste des Redeanfangs zeichnet, Daumen und Zeigefinger bilden einen Kreis. Der Mann trägt eine rote Kutte über einem weißen Untergewand, welches bis zu den Handknöcheln reicht. Die Kutte ist seitlich mit einer gestickten oder gewirkten, mehr oder weniger breiten, rötlichen Borte (Saum) besetzt und wird von einer weißen verknoteten Kordel zusammengehalten. Sie schließt oben um die Brust und lässt den Hals frei;  Am Rücken ist der Ansatz einer Kapuze zu erkennen.  Die Kutte ist seitlich mit einer gestickten oder gewirkten, mehr oder weniger breiten, rötlichen Borte (Saum) besetzt. Der Mann hat lange Haare und einen Kinnbart. Als Kopfschmuck erkennt man eine Corona. Die Corona war im Mittelalter wiederholt als priesterliche Haartracht vorgeschrieben und steht in Beziehung zu der Sitte, dass die Herrscher im Diadem auftraten und die Ritter mit Stirnreifen geschmückt gingen. Kleidung und Haartracht deuten auf einen Angehörigen einer Ordensgemeinschaft (Mönche) hin. Mittelalterliche Mönche in den Klöstern trugen in der Regel ein solches Habit (Tunika, Kutte) die mit einem Zingulum (Gürtel) gebunden wurde. Das Zingulum mancher Ordensleute war ein einfacher Strick oder Kordel, oft in weißer Farbe. Mönche älterer Orden (z.B. Zisterzienser) hatten auch lange Haartracht und Bart. Die rote Farbe der Kutte wirft jedoch Fragen auf. Die Farbe Rot galt als Kaiserfarbe. Auf der Provinzial-Synode zu Narvonne (589) wurde angeordnet: Kein Geistlicher darf Purpurkleider tragen; dies ziemt sich für Fürsten, nicht für Religiöse (Kleriker und Mönche). Mönche in christlichen Klöstern trugen auch nicht so auffällige Kutten. Als Farben waren vor allem Schwarz, Weiß, Braun, Grau oder Dunkelblau verbreitet. Möglich erscheint aber ein Abt. Mittelalterliche Abbildungen zeigen das Äbte manchmal auch grünliche, rötliche oder blaue Kutten trugen. Die Tunika als Kleidungsstück darunter war gelblich oder weißlich. Die rechte Hand der Figur der Eingangsinitiale in der Handschrift B stützt den Querbalken des Buchstabens E, der die erste Strophe der ersten Aventiure einleitet:"En Burgonden ein vil edel magedin". Die einleitenden Strophen der verschiedenen Handschriften unterscheiden sich. Der Anfang mit dem bekannten Vers „uns ist in alten Mæren“ fehlt in B, steht aber in A und C. Der Urtext des Nibelungenliedes hat daher also wohl ohne diese Einleitung begonnen mit "En Burgonden ein vil edel".

Die verschiedenen Handschriften unterscheiden sich stark in ihrer äußeren Form. Handschrift C weist nur eine Spalte auf,  die Handschriften A und B plazieren ihren Text zweispaltig. Diese platzsparende Darstellung läßt auf Mönche als Bearbeiter schließen, da der damals einzig verfügbare beschreibbare Stoff Pergament extrem teuer war. Das Pergament wurde bis ins 10. Jahrhundert aus Tierhäuten gewonnen und noch bis ins 12. Jahrhundert hinein in den Klöstern selbst hergestellt.  In den Klöstern machte man ja Abschriften nicht nur aus Liebhaberei, sondern auch um Geld durch den Verkauf zu gewinnen. Deshalb durften die Herstellungskosten nicht zu hoch werden. Bücher vom Umfang des Nibelungenliedes konnten deshalb nicht einfach nach Lust und Laune eines Autors verfasst werden. Pergament war ein zu kostbarer Stoff, als das er sich zum Volksgebrauch geeignet hätte; er bewahrte das ganze Mittelalter bis ins 12. Jahrhundert hindurch einen gewissen klerikalen Charakter und war hauptsächlich der Grund, dass die Kenntnis der Schrift so lange Zeit auf die religiösen Stände beschränkt blieb.

Anmerkung des Autors dieser Abhandlung: Beim Nibelungenlied ist zu unterscheiden zwischen dem Original, der Urfassung und den Handschriften. Der in der Handschrift B genannte Ort Lochheim, ist wie die archäologischen Funde eindeutig belegen, eine Gründung des 7. Jahrhunderts und dürfte dem Urdichter des Nibelungenliedes bekannt gewesen sein, da die Verschriftlichung des mündlichen Originals erst wesentlich später im 10. Jhd. erfolgte. Der Urdichter des Nibelungenliedes und Verfasser des Originals hat die überlieferten Geschichten zu Pergament gebracht. Er hat sie nicht etwa erfunden, sondern einen überlieferten Erzählstoff verarbeitet, der damals schon mehrere Jahrhunderte alt war. Der Stoff wurde danach wiederholt dichterisch verändert, beinhaltet aber auch schlichtes Faktenwissen, dass in früheren Jahrhunderten von Generation zu Generation unverändert weitergegeben wurde, und zwar mündlich, ohne das Hilfsmittel der Schrift. Bei der Urfassung des Nibelungenliedes handelt es sich vermutlich um eine präzise Abschrift des Originals. Indem der unbekannte Schreiber, wahrscheinlich aber ein Mönch, den überlieferten Stoff des Originals ins Mittelhochdeutsche übersetzte, schuf er im 12. Jahrhundert die sog. Urfassung, die dann wahrscheinlich erst Anreiz und Grundlage für die verschiedenen Handschriften war. Die Schreiber der Handschriften A, B und C haben die Urfassung dann später erstmalig einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Auch die dieser Arbeit zugrunde liegende Handschrift B, wurde vermutlich von Angehörigen einer religiösen Ordensgemeinschaft (Mönche) verfasst. Die Mönche haben die Urfassung des Nibelungenliedes dabei originalgetreu abgeschrieben. Also wurden auch die Ortsbeschreibungen in der Handschrift B wahrscheinlich unverändert aus der Urfassung übernommen, bzw. lediglich geografisch in die den Bearbeitern bekannte Welt eingeordnet.